Archiv für den Monat: November 2017

Glyphosat als Sündenbock? Pestizide in Deutschland.

Nach dem Alleingang des Agrarministers zur erneuten Zulassung von Glyphosat kochen sowohl Thema als auch Gemüter hoch.

„Es kann doch nicht sein, dass die da oben uns da unten vergiften!“

Zu Glyphosat hatte ich bisher keine wirkliche Meinung. Ja, alle sagen es ist ganz schlimmes Zeug.  Aber warum ist es denn überhaupt zugelassen? Vergiften uns die Politiker wirklich? Also habe ich mich mit dem Thema beschäftigt und via Twitter um Infos gebeten. Die kamen auch. Reichlich.  Wer sich mal ansatzweise in das Thema einarbeiten will, der ist gut beraten nicht nur die einschlägigen NGO Seiten zu lesen wie zum Beispiel NABU oder Greenpeace. Als Einstieg empfehle ich den Wikipedia-Artikel und die Ruhrbarone. Auch ein Blogpost von @_amaz1ng  und einen recht umfassenden weiteren Beitrag zum Thema.

Wer dann noch mehr ins Detail gehen will kann sich in den Zulassungsbericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) einarbeiten. (Achtung, viel Englisch!)

Wer sich durch all diese Informationen gearbeitet hat wird sich eine eigene Meinung zu Glyphosat gebildet haben. Ich für meinen Teil wollte aber nun wissen, welche Mittel denn sonst so in Deutschland zugelassen sind. Ist Glyphosat im Vergleich zu anderen Pestiziden tatsächlich so schlimm, dass diese ganze Aufregung um die Neuzulassung gerechtfertigt ist? Oder ist Glyphosat nur der Sündenbock und Symbol für ganz andere Probleme?

Beim BVL ist die Liste der in Deutschland zugelassenen Pflanzenschutzmittel einsehbar.  Angefangen habe ich bei Teil 1 – Ackerbau – Wiesen und Weiden – Hopfenbau – Nichtkulturland.

Und was soll ich sagen? Direkt der erste aufgelistete Wirkstoff „Clothianidin“ und das aufgelistete Mittel „Poncho ungefärbt (025429-00/BAY)“waren Volltreffer.  Das Verbot von Poncho dauerte aber nur eine Woche. Interessant dazu auch eine kleine Anfrage der LINKE aus 2008.

Der in Deutschland zugelassene Wirkstoff „Imidacloprid“ ist giftig für Vögel und hat mindestens schädliche Auswirkungen auf Wasserflöhe und Bienen. Und steht nebenbei im Verdacht ein Nervengift zu sein.

Auch „Kupferhydroxid“ bzw. Kupfer im Allgemeinen (gerne eingesetzt bei BIO-Landwirtschaft) ist nicht ganz unbedenklich für Mikroorganismen. Bei Mäusen kann das Zeug zu mutagenen und gentoxischen Effekten in Knochenmark und Blut führen.

Der Wirkstoff „Methiocarb“ ist ein Nervengift und kann zu Erbrechen, Durchfall, Atemnot und Lungenödemen führen.

Thiamethoxam“ ist zumindest für Bienen echt schlecht.

Der Wirkstoff „Thiram“ kann in großer Dosis bzw. bei längerem Kontakt Allergien auslösen und die Leber schädigen.

An dieser Stelle bin ich am Ende des Kapitels „6.2 –  Mittel zur Behandlung von Saat- und Pflanzgut“. Das ist Seite 42 von 442. Und es ist der 1. Teil einer Liste von insgesamt 7 Teilen.

Man kann zu Glyphosat stehen wie man will, Tatsache ist aber, dass nicht ein einzelner Wirkstoff das Problem ist. Wer Glyphosat anprangert muss sich zwangsweise auch mit all dem anderen Kram beschäftigen den wir tagtäglich auf unsere Felder kippen. Wie gehen wir mit diesem Zeug um? Ist ein Verbot tatsächlich die Lösung?

„Würden Mittel wie Glyphosat verboten, wäre die Alternative, um das Greiskraut loszuwerden, die ganze Weide durchzupflügen, zu düngen und neu einzusähen. Magerrasenpflanzen und Blühpflanzen würden dann ausbleiben und es entstünde eine wirtschaftliche Wiese mit hohem Ertrag und Artenarmut.“

Weg von Pflanzenschutzmitteln bedeutet gleichzeitig auch weg von Landwirtschaft im industriellen Maßstab.  Sind wir dazu als Gesellschaft bereit? Sind wir als Menschheit dazu bereit? Ist ein regulierter, überwachter und verantwortungsbewusster Umgang mit Pflanzenschutzmitteln sinnvoller als ein komplettes Verbot? Ist Glyphosat vielleicht besser und sinnvoller als alternative Gifte, die im Falle eines Verbots angewendet würden? Wie sähe eine Landwirtschaft ohne Pestizide aus? Könnte sie unsere Erwartungen erfüllen? Müssen wir unsere Erwartungen überdenken?

In der Sendung „Tagesgespräch“ des WDR am 28.11.2017 ging es um das Thema Glyphosat. Viele der Menschen die dort anriefen waren sehr empört und wütend über die Entscheidung des Agrarministers. Ich kann das nachvollziehen. Gleichzeitig frage ich mich aber, ob die alle denken, dass es mit dem Verbot dieses einen Mittels getan ist oder ob denen überhaupt bewusst ist, welches grauenvolle Zeug da sonst noch auf unsere Nahrungsmittel drauf kommt. Und wie viele dieser Anrufer sich auch über die Politiker beschweren würden, wenn sie keine drölfzig Supermärkte im Umkreis von 5km mit einem Überangebot von Nahrungsmitteln zur Verfügung hätten.

So lange Politiker und Parteien gewählt werden, weil sie „Wachstum“ versprechen ist diese ganze Empörung meines Erachtens scheinheilig. Fakt ist, es geht eigentlich nicht um Glyphosat sondern darum, dass „Wachstum“ nicht unendlich möglich ist und immer einen Preis hat. Und ob wir bereit sind diesen Preis zu bezahlen oder nicht.