#Bings – Da war doch was…

Ich war in Bingen.

Ein bisschen wandern, ein bisschen Wein, Sonnenschein, alles fein.

Oder vielleicht doch nicht?

Ich war bereits schon einmal in Bingen. Manche von euch erinnern sich vielleicht noch an ein Wochenende im Mai 2010.

Seltsamer Zufall, der mich 8 Jahre später wieder an diesen Ort bringt und mich dazu bewegt ein Resümee zu ziehen.

Die Geschichte, wie ich zu den Piraten kam habe ich schon oft erzählt. Es war im September 2009. Den Wahlkampf zur Bundestagswahl habe ich nicht wahrgenommen, genauso wie auch die Wahlkämpfe zuvor nie wahrgenommen hatte. Politik? Nee… ist doch eh alles doof und überhaupt.

Die ganzen Flyer im Briefkasten von ABC bis XYZ landeten ASAP im Müll. Gut, den Flyer der PBC habe ich aus Gründen der Belustigung vorher doch gelesen.

Eines Tages war da aber etwas Neues. Ein Plakat. Ein einziges Plakat in der Durchgangsstraße im Städtchen.

“Bist DU Terrorist?” stand da drauf.

Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit fuhr ich an diesem Plakat vorbei. Und jeden Tag brachte mich dieses Plakat zum Nachdenken. Brachte es doch genau das zum Ausdruck was ich mir seit Jahren dachte und was niemand in meinem Umfeld verstand, wenn ich es zur Sprache brachte. Wenn ich mich über die Sicherheitschecks am Flughafen aufregte bekam ich in der Regel die lapidare Antwort “Ja willst du denn, dass bald die Flugzeuge reihenweise vom Himmel fallen?” oder “Ja aber es dient doch der Sicherheit!”.

Und nun hing da eben dieses Plakat…. “Piratenpartei”… das klang total bekloppt. Aber auch irgendwie cool… aber hauptsächlich bekloppt. Es dauert nicht lange und Google spuckte entsprechende Ergebnisse aus.

Und es war toll. Irgendwie sagten die genau das, was ich dachte. Da waren Leute, die endlich mal was Vernünftiges zu sagen hatten. Im Forum fand ich sogar einen Termin für den Stammtisch in meiner Gegend. Es war Montag, der 28. September 2009, der Tag nach der Bundestagswahl, als meine Reise begann.

Da saßen Sie alle. Frank, Felix, Stephan, Martin, Luise… und von nun an auch ich. Ein Haufen Gleichgesinnter die begeistert waren von einer Idee. Ein Haufen Nerds, die den Leuten da draußen erklären wollten, dass sich da ein paar Dinge in eine echt schlechte Richtung entwickelten. Wir setzten uns mit Plakatiergenehmigungen auseinander.  Wir lernten Hartfaserplatten zu bekleben und wie man sie an eine Laterne hängt ohne dauernd Staub ins Auge zu kriegen. Wir – allesamt “Kellerkinder” – standen stolz und aufrecht in den Fußgängerzonen, verschenkten Blumen und Flyer und sprachen mit Menschen. Weil uns diese Idee begeisterte. Weil wir für etwas brannten. Weil wir stolz waren auf unsere Piratenpartei.

Keiner von uns war angetreten die Welt zu verändern,

aber wir waren davon überzeugt, den Leuten die Augen öffnen zu können.

Natürlich mussten wir gnadenlos scheitern. Aber das sahen wir damals nicht. Wir hatten einfach eine verdammt gute Zeit in diesem Jahr 2010.

“Der Bundesparteitag ist in Bingen. Lass uns doch mal da hin fahren und uns das anschauen!” Sagte Mitpirat (und nach all der Zeit immer noch geschätzter Freund).

Okay, sagte ich und ab ging’s an einem Samstag im Mai auf die A61. An viele Dinge von damals erinnere ich mich nicht mehr. Es war alles aufregend und neu und verdammt cool.

Ich weiß noch wie ich ehrfürchtig den Worten des damaligen Bundesvorsitzenden Jens Seipenbusch lauschte und wie Christopher Lauer schon damals seine One-Man-Show auf der Bühne abzog.

Viele Menschen die ich damals zum ersten Mal von Weitem gesehen habe durfte ich später irgendwann auch persönlich kennen lernen. Nicht immer eine tolle Erfahrung, aber in jedem Fall lehrreich.

Während ich diese Zeilen in die Tastatur hacke ist dieser Spirit von früher auch sofort wieder gegenwärtig. Diese Aufbruchstimmung. Dieser Geist von Neuem und Bedeutsamem. Das gute Gefühl etwas Sinnvolles zu tun und Teil einer globalen Bewegung zu sein.

Schnitt.

Es ist September 2018. Noch 16 Monate und ich bin 10 Jahre dabei. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich den Briefkasten öffne und ich mein Jubiläumspaket finde. Dann darf ich mich auch mit einer goldenen Mitgliedskarte akkreditieren. Es macht nichts, dass ich dieses Paket für Jubilare selbst eingeführt habe… und wahrscheinlich wird Gordon auch nicht den Text ändern, so dass ich einen Brief lesen werde, denn ich quasi an mich selbst geschrieben habe. Wenn es den PShop bis dahin noch gibt…

Vor Kurzem habe ich sämtliche Tätigkeiten für die Partei eingestellt. Und verdammt nochmal, ich habe echt was getan für dieses Projekt. Das ist nichts Besonderes, denn die Meisten von euch haben das. Und jeder von euch kennt das Gefühl zusehen zu müssen, wie Dinge, die ihr hart erkämpft habt, der Erosion anheim fallen.

Der Geist von damals ist schon lange nicht mehr da. Der Stolz von damals ist einer nicht enden wollenden Serie von Fremdschäm-Momenten gewichen. Aus dem Haufen Gleichgesinnter ist eine diffuse Menge geworden, die nie gelernt hat aus ihrer Pluralität und Energie Kapital zu schlagen, in dem sie sie in feste und geordneten Bahnen lenkt.

Nach 12 Jahren hat die Partei immer noch kein Konzept um Problemstellungen zu diskutieren und in einem verbindlichen Konsens zu lösen.

Zwischen unterschiedlichen Meinungen gibt es keinerlei moderierten Dialog, vielmehr haben wir das Erschaffen von Parallelstrukturen geradezu zelebriert, nur um uns nicht auf einen gemeinsamen Standard einigen zu müssen.

Das Motto “Denk selbst!” wurde pervertiert zum Credo von Verschwörungstheoretikern und Hierarchie-Allergikern.

In unserem öffentlichen (und nichtöffentlichen) Empörungsverhalten sind wir oftmals genauso faktentreu und und reflexgesteuert wie die sogenannten “Wutbürger”. Mit dem Unterschied, dass wir auf der anderen Seite des Spektrums stehen… also die Meisten von uns.

Aus Zensursula & Co, sind “Die da oben” im BuVo oder LaVo geworden.

Ein kluger Ex-LaVo den ich sehr schätze hat mal gesagt: “Unser Netzpolitisches Programm wurde geschrieben, als YouTube noch in den Kinderschuhen steckte.” Seit dem hat sich da nicht mehr viel getan. Dennoch versuchen wir noch das Image der “Internet-Partei zu pflegen. Neben der Teilnahme an Anti-Nazidemos, Refugees-Welcome-Demos und dem drölfzigsten BGE-Themenabend.

Ist alles wichtig. Verdammt wichtig. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Politik und politischem Aktivismus. Das haben wir irgendwie auch nie gelernt.

Klar. Das ist (m)eine überspitzte Darstellung. Es gibt reichlich Zwischentöne. Laute und Leise. Aber das hier ist MEIN Resümee. Und wenn mich heute jemand fragt, warum ich noch Mitglied in der Piratenpartei bin weiß ich keine Antwort mehr.

Ich befürchte, es geht vielen von euch so wie mir. Das ist die eine Sache die mir Hoffnung gibt. Nicht für die Piratenpartei. Aber für diese großartige Idee von einst. Könnt Ihr sie auch noch spüren?

Dann solltet ihr jetzt weiterlesen bei @lostincoding. 

Und dann sollten wir allesamt dringend eine Antwort auf die Frage “Was tun?” finden.